Artikel des Monats Juni 2011

 

„Selenium and the Course of Mild Graves´Orbitopathy” [1]

 

 

Hintergrund:

Die Immunthyreopathie wurde mit ihren klassischen Symptomen (Tachykardie, Exophthalmus und Struma) als Merseburger Trias 1840 von Karl von Basedow beschrieben. Fünf Jahre zuvor war dies schon vom irischen Arzt Robert James Graves beschrieben worden (Graves´disease im englischen Sprachraum). Es finden sich lymphozytäre Infiltrationen der betroffenen Gewebe (Schilddrüse, Augenmuskeln, Subkutis), und genetische, immunologische, und exogene Faktoren werden als Ursache gesehen. Die endokrine Orbitopathie (EO) tritt meist (>60%) mit der Hyperthyreose auf, kann aber auch vor Beginn oder unter Therapie auftreten. Je nach Schwere kann die EO von nur diskreten klinischen Zeichen bis zum ausgeprägten Exophthalmus mit Verlust des Lidschlusses und Kompression des Sehnerven führen.

Die Visus bedrohende EO wird mit iv Glukokortikoiden und ggfs mit Orbitaldekompression-Ops behandelt. Die moderate EO wird im aktiven Stadium ebenfalls mit iv Glukokortikoiden behandelt, ggfs zusätzliche Orbitabestrahlung. Die milde Form der EO wird meist nur mit lokalen Maßnahmen behandelt und im Verlauf beobachtet.

 

Studie:

Die vorliegende Studie untersuchte in randomisiertem, doppel-blindem und plazebo-kontrolliertem Design den Einfluß einer Behandlung mit Selen oder Pentoxifyllin versus Plazebo auf den Verlauf einer milden endokrinen Orbitopthie. Die Patienten waren euthyreot bis leicht hyperthyreot (einige erhielten Thiamazol in geringer Dosierung). Die Patienten erhielten über 6 Monate entweder 2x 100mg Selen täglich, 2x600mg Pentoxifyllin täglich, oder Plazebo und wurden noch über weitere 6 Monate beobachtet. In jedem Behandlungsarm wurden ca. 50 Patienten eingeschlossen. Die Behandlung mit Selen zeigte nach 6 Monaten sowohl eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität als auch eine verringerte Augenbeteiligung im Vergleich zu Pentoxifyllin oder Plazebo. Der klinische Aktivitätsindex der EO verringerte sich in allen drei Gruppen, aber signifikant mehr in der Selen-behandelten Gruppe. Unter Selen traten keine Nebenwirkungen auf, jedoch unter der Behandlung mit Pentoxifyllin. 2 Patienten aus der Plazebogruppe und 1 Patient aus der Pentoxifyllin Gruppe zeigten eine Zunahme der EO und die Notwendigkeit einer immunsuppressiven Therapie.

 

Bewertung:

Diese Studie zeigt, daß das Spurenelement Selen, das essentiell für die Selenocystein-Synthese ist und als Antioxidanz fungiert, einen deutlichen Einfluß auf den Verlauf der milden Form der endokrinen Orbitopathie hat.

 

 

[1] Marcocci C et al. N Engl J Med 364:20, May 19, 2011

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